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„Damals nur Befehlen gehorcht“

Ederseeschüler proben für Theaterstück: Wie in der NS-Zeit aus Freunden Feinde wurden

Vöhl – Zwölf theaterbegeisterte Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen acht und zehn der Ederseeschule Herzhausen haben sich am Wochenende in der Jugendherberge Hohe Fahrt in Asel zu einem Probenwochenende getroffen. Sie wollen mit Stefan Rumphorsts Theaterstück „Keiner hat das Recht zu gehorchen“ (siehe Kasten) zeigen, wie durch mörderische Ideologie aus Freundschaft und Miteinander tödliche Feindschaft werden kann – und, dass das Thema Rassismus noch immer aktuell ist. Obwohl der Nationalsozialismus bis zur achten Klasse noch kein Lehrstoff ist, interessieren sich die Jugendlichen für das Thema, denn „Demokratie ist nicht gottgegeben“, wie es im Stück heißt, und eben nicht nur „Sache der Politiker“.

Wenn die Jugendlichen proben, wird deutlich: Sie spielen nicht nur Rollen, sie gehen geradezu darin auf: Es ist, als hätten sie verstanden, dass diese Heranwachsenden, mit denen die Geschichte beginnt, genau so waren, wie sie selbst jetzt sind. Darum ist es kein Zufall, dass es mit Ian und Titus auch zwei Freunde sind, die sich sofort für die beiden Hauptrollen gemeldet haben. Auch die anderen Rollen seien außergewöhnlich schnell vergeben gewesen, berichtet Theatertrainer Rumphorst. Fakt ist: Es ist eine mutige Entscheidung dieser Jugendlichen, mit diesem Stück öffentlich aufzutreten; zumal wenn man bedenkt, dass es um einen noch heute aufwühlenden Teil der jüngeren Geschichte geht.

Rumphorst ist begeistert vom Engagement aller Mitspieler: Die „sehr hohe Bereitschaft“ und Disziplin der Jugendlichen sei „relativ untypisch“. Die zum Teil längeren Textpassagen hätten die jungen Schauspieler schnell und sicher auswendig gelernt und selbst bei mehrfachen Szenenwiederholungen nie die Geduld verloren. Nur dank dieser Leistung sei es möglich gewesen, „nach nur zwei Tagen eine komplette Generalprobe“ auf die Beine zu stellen.

Freies Sprechen und Teamarbeit zu üben gehlrten zu den Gründen, sich zum Theaterprojekt anzumelden. Eines kommt für die Jugendlichen im echten Leben jedenfalls nicht mehr infrage: Bei Rassismus und Ausgrenzung wegzuschauen. Stattdessen wollen sie helfen, haben sie sich vorgenommen. Damit „das wie damals nicht nochmal passiert“.

Zum Inhalt: Zwei Vöhler Jungs chillen auf einer Bank, irgendwie sind sie auf ihre unterschiedlichen Religionen zu sprechen gekommen. Der evangelische Klaus erzählt, dass er als Baby getauft, der jüdische Max berichtet, dass er beschnitten wurde – erinnern können sich beide daran nicht. Ist auch keine große Sache, denn die beiden sind allerbeste Freunde, so wie „Old Shatterhand und Winnetou“. Sie werden Sportkameraden und Sangesbrüder. Max gewinnt zahlreiche Preise für sein Dorf und ist allseits beliebt.

Viele Jahre später – die beiden sind erwachsen, verheiratet und Väter geworden – zeigt sich ein ganz anderes Bild: Klaus, nun Bürgermeister, schreit Max an, er solle seine Tochter von seinen Kindern fernhalten – „die Zeiten haben sich geändert“. Die Nazis sind jetzt an der Macht und Klaus ist einer von ihnen, ein besonders begeisterter. Max ist für ihn nur noch „der Jude“, der nicht mehr dazugehört. Schließlich sorgt Klaus persönlich dafür, dass Max ins KZ kommt – ein sicheres Todesurteil. Er richtet Max‘ Familie zugrunde und bereichert sich an ihrem und dem Eigentum der anderen Juden aus Vöhl. Später wird sich Klaus herausreden, er habe „damals nur Befehlen gehorcht“ – wie so viele andere.

Wie es zu all dem kam, stellt das Theaterstück „Keiner hat das Recht zu gehorchen“ des Sauerländer Regisseurs, Theaterpädagogen und Autors Stephan Rumphorst eindrücklich in schlaglichtartigen Szenen nach. Die Handlungen beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten aus Vöhl vor und während der Nazizeit, die der Förderkreis „Synagoge in Vöhl“ rekonstruiert hat. „Was gezeigt wird, ist wirklich geschehen“, betont Heimatforscher Karl-Heinz Stadtler vom Förderverein. Er half den Nachwuchsschauspielern auch dabei, den Inhalt der Spielszenen historisch einzuordnen. Der Förderkreis und die Ederseeschule Herzhausen arbeiten seit vielen Jahren zu den Themen Antisemitismus, Rassismus und Demokratieförderung zusammen.

Aufführungen im Februar und März in der Synagoge

Nach seinem Studium zum Bildungsreferenten an der Katholischen Hochschule in Paderborn wechselte Stephan Rumphorst an die American Academy of Dramatic Arts in Los Angeles und das Institut „The Studio“, wo er sich zum Theater- und Filmschauspieler ausbilden ließ. Ab 2012 wirkte der gebürtige Sauerländer (Jahrgang 1972) als Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge unter anderem an verschiedenen großen Bühnen in Thüringen und Westfalen, zudem im europäischen Ausland und in den USA. Für seine Arbeit wurde das Multitalent (fast 100 Inszenierungen) mehrfach ausgezeichnet. Besonderes Augenmerk richtet Rumphorst immer wieder auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Zudem ist er in der Spieler- und Spielleiterausbildung, sowie in der Festivalorganisation in der Amateurtheaterszene aktiv.

Der Titel des Vöhler Theaterstücks „Keiner hat das Recht zu gehorchen“ geht auf ein Zitat der politischen Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) zurück. 1961 nahm sie als Reporterin am Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem teil. Eichmann war für die Deportation und Ermordung von Millionen von Juden verantwortlich.

Öffentlich aufgeführt werden soll die etwa einstündige Inszenierung am Samstag, 28. Februar, und Sonntag, 1. März, in der ehemaligen Synagoge Vöhl, jeweils ab 19 Uhr. Verbindliche Anmeldungen werden erbeten telefonisch über 05635/1022 oder per E-Mail an info@synagoge-voehl.de.

Der Förderverein bittet um Vorabüberweisung des Eintrittspreises von zehn Euro an: Förderkreis Synagoge in Vöhl e.V., Sparkasse Waldeck-Frankenberg, IBAN DE48 5235 0005 0007 0515 01. Restkarten sind an der Abendkasse für zwölf Euro erhältlich. Unterstützt werden soll das Projekt vom Netzwerk für Toleranz Waldeck-Frankenberg mit Geldern aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ und dem Programm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“.

Bericht und Fotos: Waldeckische Landeszeitung

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