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Wenn aus Freunden Feinde werden

Darsteller der Ederseeschule beeindrucken mit Theaterstück in Vöhler Synagoge

Vöhl – Schülerinnen und Schüler einer Theater-Projektgruppe der Ederseeschule Herzhausen haben am vergangenen Wochenende in der ehemaligen Synagoge in Vöhl das aufwühlende Theaterstück „Keiner hat das Recht zu gehorchen – Aus Freunden werden Feinde“ aufgeführt.

Dieses Stück des Sauerländer Schauspielers, Regisseurs und Theaterpädagogen Stephan Rumphorst beschäftigt sich mit dem Schicksal Vöhler Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts . Es zeichnet schlaglichtartig die Geschichte des Protestanten Klaus (Titus Behle) und des Juden Max (Ian Merz) nach, die allerbeste Freunde sind.

Nach Aufführungen am Freitag vor ihren Mitschülern hatten die 12 jungen Schauspielerinnen und Schauspieler am Samstag und Sonntag die Öffentlichkeit zu Vorstellungen eingeladen. Die Darstellung ging unter die Haut: Schon in den Schülervorstellungen herrschte eine aufmerksame Spannung. Und auch nach der Vorstellung waren viele der jungen Zuschauer betroffen. Sie gaben an, „Dinge erfahren“ zu haben, die ihnen bisher nicht bewusst gewesen seinen.

Beim Zuschauen hatte man das Gefühl, live Zeuge dieser Geschichte zu sein, die so ähnlich vor Jahrzehnten Wirklichkeit war: Wie aus dem angesagtesten Typen des Orts nach und nach ein Hassobjekt wurde, weil er Jude war. Wie Klaus im Stück immer eifersüchtiger auf Max wird, weil sein bester Freund besser in Sport ist, sich ein teures Auto leisten kann, scheinbar seine „Flamme“ abwerben will.

Aber auch die schon Jahrhunderte vor der Nazizeit bestehenden „Gerüchte über die Juden“ (Adorno) wurden sichtbar, etwa in den Kommentaren, als Max‘ künftige, protestantische Ehefrau Marieluise (Stella Hilber-Küthe) ihrer Mutter (Selina Görzen) von ihren Heiratsplänen erzählt. Oder Klaus‘ Vater (Luis Störmer) zu dem Erfolg von Klaus: „Diese Juden! (…) Da kannst Du mir erzählen, was Du willst, da ist doch irgendwas faul!“.

Da kam wenig Widerstand, als schon 1935 das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ (Nürnberger Gesetze) in Kraft trat, das auch im Theaterstück eindrucksvoll und wortwörtlich „von oben“ (der Empore) proklamiert wurde.

Imponierend zeigten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler den folgenden Schmerz und die Verwirrung auch der Vöhler Juden, die doch Deutsche waren, und nun (wieder mal) „die Anderen“. Andersartigkeit als Vorwand: Dieses absurde Denken verdeutlichte Beate Lambert, die die Aufführung am Klavier begleitete, unter anderem mit dem Lied „An allem sind die Juden schuld“, des deutschen und jüdischen Komponisten Friedrich Hollaender.

In einer Szene berieten die verbliebenen Vöhler Juden, ob sie die Synagoge verkaufen sollten, weil kaum noch Juden im Ort lebten. Da wurde einem beim Zusehen schockartig bewusst: Das war nicht irgendein Haus, sondern das Gebäude, in dem gerade diese Szene spielte.

Und dann die Erkenntnis: Es geht im Grunde gerade nicht nur um etwas, was „damals“ war, sondern um Grundsätzliches: Was machst denn du, wenn heute jemand in deinem direkten Umfeld gemobbt, verleumdet und misshandelt wird? Hilfst du oder schaust du weg?

Dass ein Mensch auch in autoritären Systemen noch Entscheidungsfreiheit hat, zeigte nicht nur im Theaterstück Max‘ heldenhafte Ehefrau Marieluise: Sie unterstützte ihren Mann, als er im KZ Buchenwald war, hielt trotz Berufsverbot und Zwangsscheidung zu ihm und seiner Familie, bereitete die gemeinsame Flucht vor. Nach dem Sieg über die Nazis nahm sie wieder seinen Familiennamen an. Die echte Marieluise lebte bis 1975 in Vöhl. Max wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Dieses Theaterprojekt wird unterstützt vom Netzwerk für Toleranz Waldeck-Frankenberg mit Geldern aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ und dem Programm „Hessen-aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“.

Bericht und Fotos: Waldeckische Landeszeitung

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